Equal Earth: Warum die UN eine neue Weltkarte empfehlen

Equal Earth: Warum die UN eine neue Weltkarte empfehlen

Am 4. September 2026 hat die Generalversammlung der Vereinten Nationen etwas beschlossen, worüber Kartografen seit Jahrzehnten diskutieren: Weltkarten sollen künftig flächentreu sein. 164 Staaten stimmten für die von Togo im Namen der Afrikanischen Union eingebrachte Resolution, sechs Länder enthielten sich, die USA stimmten als einziges Land dagegen. Empfohlen wird namentlich eine Projektion, die den meisten Menschen bisher kein Begriff war: Equal Earth.

Wir verkaufen seit Jahrzehnten Weltkarten und werden seither häufiger gefragt, was das nun konkret bedeutet – für Schulen, für Besprechungsräume, für die Karte, die seit Jahren an der Wand hängt. Dieser Beitrag erklärt, worum es geht, woher das Problem kommt und was der Beschluss praktisch heißt. Wer die Grundlagen dazu nachlesen möchte, findet sie in unserem Artikel Warum jede Weltkarte lügt: Kartenprojektionen verständlich erklärt.

Was genau beschlossen wurde

Die Resolution trägt das Aktenzeichen A/80/L.104 und geht auf eine Kampagne unter dem Titel „Correct the Map“ zurück. Vorgearbeitet hatte die Afrikanische Union: Auf ihrem Gipfel Mitte Februar 2026 in Addis Abeba sprachen sich die Staats- und Regierungschefs für die Equal-Earth-Projektion aus und forderten ihre Mitgliedstaaten auf, die Darstellung in den nationalen Lehrplänen zu überprüfen. Togo brachte das Thema anschließend nach New York.

Wichtig ist, was die Resolution nicht ist. Sie ist nicht bindend. Sie verbietet keine Mercator-Karten, schreibt keinen Austausch bestehender Karten vor und verpflichtet niemanden auf ein bestimmtes Rechenverfahren. Sie wirbt dafür, überall dort flächentreue Projektionen zu verwenden, wo die relative Größe von Ländern und Kontinenten eine Rolle spielt – und nennt Equal Earth ausdrücklich als Beispiel. Angesprochen sind Regierungen, Bildungseinrichtungen, internationale Organisationen, Medien und Technologieunternehmen. Ob sich etwas ändert, hängt also davon ab, wer der Empfehlung folgt. Am ehesten wird man den Effekt in Schulbüchern, Atlanten, Behördenkarten und in der Bildsprache der Medien sehen.

Das Problem: eine Karte für Seeleute, 1569

Der Ausgangspunkt ist eine Weltkarte, die vor über 450 Jahren für einen ganz bestimmten Zweck gebaut wurde. Gerhard Mercator veröffentlichte sie 1569 für die Navigation auf See. Sein Kunstgriff: Er zog die Breitenkreise nach Norden und Süden genau so weit auseinander, wie die Meridiane zusammenlaufen. Dadurch bleiben alle Winkel korrekt, und ein Kurs mit konstanter Kompasspeilung wird auf dem Papier zu einer geraden Linie. Für einen Navigator im 16. Jahrhundert war das eine kleine Revolution.

Diese Winkeltreue hat einen Preis, und den zahlt die Fläche. Je weiter ein Gebiet vom Äquator entfernt liegt, desto größer wird es gezeichnet.

Weltkarte in Mercator- und in Equal-Earth-Projektion im direkten Vergleich, Afrika und Grönland hervorgehoben

Links Mercator, rechts Equal Earth. Beide Karten stammen aus derselben Küstenliniendatei und wurden mit der jeweiligen Originalformel gerechnet. Grönland und Afrika sind hervorgehoben – der Unterschied ist kein Darstellungseffekt, sondern das Rechenergebnis.

Wie stark die Vergrößerung ausfällt

Der Faktor lässt sich exakt angeben: Er ist eins geteilt durch das Quadrat des Kosinus der geografischen Breite. Am Äquator ist er 1, es wird also nichts verzerrt. Bei 45 Grad ist eine Fläche bereits doppelt so groß gezeichnet, bei 60 Grad viermal, bei 80 Grad rund 33-mal. Am Pol selbst wird der Wert unendlich – deshalb muss jede Mercator-Karte irgendwo abgeschnitten werden, und deshalb fehlt auf ihr die Antarktis oder wird zu einem endlosen weißen Band.

Diagramm der Flächenvergrößerung der Mercator-Projektion nach geografischer Breite

Deutschland liegt bei rund 51 Grad nördlicher Breite und wird auf einer Mercator-Karte etwa zweieinhalbmal zu groß gezeichnet. Für die Mitte Grönlands ist es bereits das Zehnfache.

Bemerkenswert daran ist, dass die Verzerrung nicht willkürlich verteilt ist. Sie trifft systematisch die Regionen in Äquatornähe – Afrika, Südamerika, Südostasien – und begünstigt ebenso systematisch Nordamerika, Europa, Russland und Grönland. Genau darauf zielt die Kritik der Afrikanischen Union: nicht auf einen Rechenfehler, sondern darauf, dass jahrhundertelange Gewöhnung an dieses Bild die Wahrnehmung eines ganzen Kontinents geprägt habe.

Der Klassiker: Grönland

Kein Beispiel macht das so schnell klar wie Grönland. Auf einer Mercator-Karte wirkt die Insel ungefähr so groß wie Afrika, auf manchen Wandkarten sogar größer. Tatsächlich hat Grönland rund 2,2 Millionen Quadratkilometer, Afrika rund 30,4 Millionen. Afrika ist also etwa vierzehnmal so groß.

Grönland und Afrika auf der Mercator-Karte und in flächentreuer Darstellung

Afrika ist in beiden Bildern exakt gleich groß gezeichnet. Verändert wird ausschließlich Grönland – links so, wie eine Mercator-Karte es zeigt, rechts in seiner tatsächlichen Fläche.

Ähnliches gilt für Alaska, Skandinavien und vor allem für Russland, das auf Mercator-Karten monströs wirkt. Umgekehrt erscheinen Indien, Indonesien oder die Länder Westafrikas deutlich kleiner, als sie sind.

Wie groß Afrika wirklich ist

Die 30,4 Millionen Quadratkilometer sind eine Zahl, mit der man wenig anfangen kann. Anschaulich wird sie erst im Vergleich – und zwar in einem Vergleich, bei dem alle Umrisse flächentreu und im selben Maßstab gezeichnet sind.

Afrika im Größenvergleich mit China, den USA, Indien, Grönland und Deutschland im selben Maßstab

China, die USA (Festland), Indien und Grönland belegen zusammen rund 22,5 Millionen Quadratkilometer. In den Rest der Fläche Afrikas passte immer noch ganz Westeuropa. Deutschland ist mit 0,36 Millionen Quadratkilometern kaum mehr als ein Fleck.

Der Kontinent umfasst 54 Staaten und über 1,4 Milliarden Menschen. Wer regelmäßig mit Märkten, Vertriebsgebieten oder Lieferketten in Afrika arbeitet, kennt den Effekt aus der Praxis: Entfernungen und Flächen werden auf Basis der gewohnten Weltkarte fast durchgängig unterschätzt.

Was Equal Earth anders macht

Equal Earth ist mit Baujahr 2018 eine ausgesprochen junge Projektion. Entwickelt haben sie Bojan Šavrič, Tom Patterson und Bernhard Jenny und im International Journal of Geographical Information Science veröffentlicht. Ihr Ziel war ausdrücklich nicht, das Rad neu zu erfinden, sondern eine flächentreue Weltkarte zu bauen, die für ein allgemeines Publikum angenehm aussieht.

Technisch ist Equal Earth eine Weiterentwicklung der Projektion von Putniņš, mathematisch verwandt mit Eckert IV. Die Meridiane sind gebogen, die Pole werden zu Linien statt zu Punkten, das Seitenverhältnis liegt bei etwa 2,05 zu 1. Entscheidend ist: Die Flächenverhältnisse stimmen exakt. Jedes Land belegt auf der Karte genau den Anteil, der ihm auf der Erdkugel zusteht.

Warum nicht die Peters-Projektion?

Flächentreue Weltkarten gibt es seit langem. Die bekannteste ist die Gall-Peters-Projektion, die seit den 1970er Jahren in der Bildungsarbeit eingesetzt wird. Auch Mollweide von 1805 ist flächentreu. Alle drei zeigen die Größenverhältnisse korrekt – der Unterschied liegt darin, wie stark die Form darunter leidet.

Gall-Peters, Mollweide und Equal Earth mit Verzerrungskreisen im Vergleich

Die messingfarbenen Kreise sind auf der Erdkugel alle gleich groß und rund. Innerhalb jeder dieser drei Karten bleiben sie flächengleich, das ist die Definition von Flächentreue. Rund bleiben sie nirgends – aber bei Equal Earth fällt die Verformung am mildesten aus.

Bei Gall-Peters werden die Länder am Äquator deutlich in die Länge gezogen und in hohen Breiten flachgedrückt; Afrika und Südamerika wirken schlank und langgestreckt. Mollweide verteilt die Verzerrung anders: Die Kartenmitte bleibt ruhig, dafür werden die Ränder schräg gezogen. Equal Earth ist der Versuch, diesen Kompromiss so zu legen, dass die Umrisse vertraut aussehen – und genau das ist der Grund, warum die Wahl auf sie gefallen ist und nicht auf eine der älteren flächentreuen Projektionen.

Ganz ohne Verzerrung geht es allerdings auch bei Equal Earth nicht. Das ist keine Schwäche der Projektion, sondern Mathematik: Eine Kugeloberfläche lässt sich nicht ohne Verzerrung in die Ebene abwickeln. Wer die Flächen richtig haben will, muss Formen und Entfernungen opfern. Für Weltübersichten, bei denen Größenvergleiche zählen, ist das der richtige Tausch. Für Navigation ist es der falsche.

Was Mercator weiterhin richtig macht

Es lohnt sich, an dieser Stelle einen Schritt zurückzutreten. Die Mercator-Projektion ist nicht schlecht, sie ist für einen anderen Zweck gebaut. In kleinen Ausschnitten ist ihre Winkeltreue genau das, was man braucht: Straßenkreuzungen bleiben rechtwinklig, Grundstücke sehen nicht schief aus. Deshalb arbeiten praktisch alle digitalen Kartendienste mit einer Variante davon, dem Web Mercator – Google Maps ebenso wie OpenStreetMap und die Navigation im Auto.

Das Problem entsteht erst beim vollständigen Herauszoomen, also genau dort, wo aus dem Navigationswerkzeug eine Weltkarte wird. Google Maps hat auf dem Desktop deshalb schon 2018 auf einen 3D-Globus umgestellt; in der mobilen App ist Mercator weiterhin die Voreinstellung.

Für den Alltag heißt das schlicht: Beide Karten haben ihren Platz. Die Frage ist nie „welche Projektion ist richtig“, sondern „wofür brauche ich sie“.

Was der Beschluss für Ihre Karte an der Wand bedeutet

Kurzfristig: nichts, was Sie tun müssten. Es gibt keine Pflicht, keine Frist und keine Vorgabe für Unternehmen. Mittelfristig ist zu erwarten, dass Schulbuchverlage, Behörden und Redaktionen nachziehen und flächentreue Weltkarten häufiger werden.

Sinnvoll ist der Wechsel dort, wo Größenverhältnisse Teil der Aussage sind:

  • Unterricht und Ausbildung. Wer erklären will, wie groß Afrika ist, braucht kein Argument – nur die richtige Karte.
  • Internationaler Vertrieb und Expansion. Wenn Marktgrößen, Gebiete oder Potenziale auf einer Weltkarte visualisiert werden, verzerrt Mercator die Botschaft mit.
  • Empfang, Besprechungsraum, Öffentlichkeitsarbeit. Karten wirken, auch ohne dass jemand sie liest.

Für den Klassenraum oder die Bildungsarbeit ist die flächentreue politische Weltkarte in Peters-Projektion (130 × 82 cm) nach wie vor die naheliegende Wahl: mit didaktischer Legende direkt am Kartenrand, wahlweise gerollt, laminiert, beleistet oder als gerahmtes Pinnboard. Wer ein ausgewogenes Gesamtbild für die Wand sucht, fährt mit einer Kompromissprojektion gut, etwa der politischen Weltkarte von National Geographic in Winkel Tripel. Eine Übersicht über unser gesamtes Sortiment finden Sie unter Weltkarten, Karten des Kontinents selbst unter Afrika.

Wenn Sie überhaupt keinen Kompromiss wollen, bleibt genau eine Möglichkeit: kein flaches Papier. Auf einem Globus stimmen Flächen, Formen, Winkel und Entfernungen gleichzeitig, weil nichts abgewickelt werden muss. Die ehrlichste Antwort ist deshalb meistens: beides. Eine große Wandkarte für den Überblick, ein Globus daneben für den Realitätsabgleich.

Die Projektionen im Überblick

Projektion Flächen Formen Empfehlenswert für
Mercator (1569) stark verzerrt lokal korrekt Navigation, Seekarten, digitale Karten
Gall-Peters (1855/1973) exakt stark gestreckt Schule, Hochschule, Bildungsarbeit
Mollweide (1805) exakt Ränder schräg gezogen thematische und wissenschaftliche Karten
Equal Earth (2018) exakt vergleichsweise ruhig Weltübersichten, Größenvergleiche, UN-Empfehlung
Winkel Tripel (1921) leicht verzerrt leicht verzerrt Wandkarten in Büro, Empfang, Wohnraum

Das Wichtigste in fünf Sätzen

  • Die UN-Generalversammlung hat am 4. September 2026 mit 164 zu 1 Stimmen empfohlen, für Weltkarten flächentreue Projektionen wie Equal Earth zu verwenden; der Beschluss ist nicht bindend.
  • Die Mercator-Projektion von 1569 ist winkeltreu und für die Seefahrt gebaut – ihre Flächenverzerrung wächst mit dem Quadrat des Kosinus der geografischen Breite.
  • Afrika ist mit 30,4 Millionen Quadratkilometern rund vierzehnmal so groß wie Grönland, wirkt auf Mercator-Karten aber ähnlich groß oder kleiner.
  • Equal Earth ist flächentreu und wurde 2018 gezielt so entworfen, dass die Umrisse trotzdem vertraut aussehen – das unterscheidet sie von Gall-Peters und Mollweide.
  • Für Navigation und digitale Karten bleibt Mercator die richtige Wahl; die Projektion ist kein Fehler, sondern eine Zweckentscheidung.

Sie sind unsicher, welche Karte zu Ihrem Einsatzzweck passt? Schreiben Sie uns kurz, wofür sie gedacht ist – Klassenraum, Besprechungsraum, Vertriebsplanung oder Empfangsbereich. Wir sagen Ihnen dann, welche Projektion und welche Ausführung wir empfehlen würden. Telefonisch erreichen Sie uns Montag bis Freitag von 08:00 bis 16:00 Uhr unter +49 2562 18749-20, ansonsten über unser Kontaktformular. Einen individuellen Kartenausschnitt können Sie sich jederzeit selbst auf landkarten-manufaktur.de zusammenstellen.

Hinweis zu den Abbildungen: Alle Grafiken in diesem Artikel wurden von uns aus denselben Küstenliniendaten erzeugt und jeweils mit der originalen Projektionsformel berechnet. Die Unterschiede, die Sie sehen, sind also keine Illustration, sondern das tatsächliche Rechenergebnis. Flächenangaben gerundet.